By Peter Ehmke, Managing Director, Token.io GmbH
Open Banking 2007 wurde durch die Europäische Union mit der Verabschiedung der Payment Services Direktive (PSD) eingeläutet, um Innovationen im europäischen Zahlungsverkehr voranzubringen. Zugleich sollte für Anbieter alternativer, internetbasierter Zahlungsmethoden ein Regelwerk geschaffen werden, um bankaufsichtsrechtlichen Grundsätzen Rechnung zu tragen und die Verbraucherinteressen zu schützen.
Das später vom schwedischen Anbieter Klarna übernommene Fintech Sofortüberweisung hatte in Deutschland einen erfolgreichen, alternativen Zahlungsverkehrsdienstleister aufgebaut. Der Bankkunde übergab Sofortüberweisung seine Log-in Daten für den Online Zugang. Damit wählte sich der Dienstleister unter dem Namen des Kunden in sein Konto ein und löste die von ihm beauftragte Zahlung aus. Dagegen hatten die deutschen Banken geklagt. Begründung: Der Kunde verletze hierdurch seine Pflichten gegenüber der Bank. Die Klage ging über verschiedene Instanzen bis hin zum Europäischen Gerichtshof (EuGH), ohne dass eine der Instanzen eine Entscheidung getroffen hätte. Auch Sofortüberweisung/Klarna klagte und argumentierte vor Gericht, dass die deutschen Banken den Wettbewerb behindern wollten.
Der EuGH schließlich leitete den Fall an die Europäische Kommission weiter. Diese sollte eine Regulierung schaffen, die den neuen technischen Möglichkeiten des Bankings gerecht wird. Dies mündete in der PSD 1, die einen einheitlichen Zahlungsverkehrsmarkt in Europa schaffen sollte, und dann 2018 in die PSD 2. Effektiv erlaubt es die PSD jedem Kontoinhaber, Drittanbietern auf sicheren Wegen Zugang zu ihrem Konto zu erteilen, um Zahlungen auszulösen (PIS oder Payment Initiation Services) oder Informationen zu sammeln (AIS oder Account Information Services). Die PSD regelte auch die Kontrolle der Drittanbieter durch die Bankenaufsicht und etablierte die Standards für die Schnittstellen (APIs), über die Drittanbieter einen sicheren Zugriff auf das Bankkonto bekommen konnten.
Open Banking, oder auch Account-to-Account (A2A) Payments genannt, löste beinahe explosionsartig die Gründung zahlreicher digitaler Zahlungsanbieter aus. Hierbei steht nicht mehr das Zahlungsmedium (Karte oder Wallet) im Vordergrund, sondern die Kundenerfahrung beim Zahlen: einfach, intuitiv und schnell. Die Zahlung selbst wird vom Kundenkonto direkt auf das Händlerkonto geschickt, ohne Umwege über Karten oder Wallets. Dies ist schneller, einfacher und für den Händler weitaus günstiger als die etablierten Zahlmethoden. Deshalb schätzen auch Händler diese neue Zahlungsart sehr. Open Banking schafft effektiv einen digitalen Kundenzugang zum SEPA Instant Payment und damit den einheitlichen, Europäischen Zahlungsverkehrsmarkt, der bisher von US-amerikanischen Anbietern dominiert wird.
Die Wachstumsprognosen für diesen neuen Markt sind enorm. Der französische Zahlungs- und Transaktionsdienstleister Worldline schätzt, dass in den kommenden fünf Jahren zehn Prozent aller Zahlungen über diese neue Zahlungsform abgewickelt werden, und dass A2A payments ein Fünftel aller E-Commerce Zahlungen ausmachen werden. Der Netzwerkausrüster Juniper prognostiziert, dass im Jahr 2026 diese Zahlart 116 Mrd. US-Dollar ausmachen wird. Allgemein wird erwartet, dass längerfristig A2A Payments Kartenzahlungen im e-Commerce ablösen werden. (Sources: Worldline Futuring Payments magazine 4 ed., Juniper Research Open banking: Key Opportunities 2021-2026 report, Worldpay 2020 Global payments report)
Token.io war eines der ersten Unternehmen, die in diesem Markt aktiv waren. 2018 führte Token.io in Großbritannien die erste A2A Zahlung über die neuen Schnittstellen durch. 2021 waren es schon Zahlungen in 14 Ländern und über rund 700 Banken in Europa. In UK hält Token.io einen Anteil von über 20 Prozent an allen A2A-Zahlungen und schätzt, dass die neue Zahlart den Händlern im Jahr 45 Mio. Britische Pfund an Kostenersparnis gebracht hat. Der Markt ist noch jung, wächst jedoch schnell.
Die Vorteile der neuen Zahlungsart für alle Beteiligten liegen auf der Hand:
Vorteile für den Handel
- Anstatt Karten- und Wallet Gebühren in Höhe von 1,5 bis 2,5 Prozent haben A2A Payments im Schnitt Gebühren zwischen 10-15 Basispunkten, also 0,1 bis 0,2 Prozent.
- Zugleich glänzen A2A Payment im E-Commerce mit einer höheren Autorisierungsrate als Kreditkarten.
- Teure Infrastrukturen wie beispielsweise Zahlungsterminals können reduziert werden.
- A2A bietet die Möglichkeit, Kundenbindungsprogramme und Zahlung in eine einheitliche, nahtlose Kundenerfahrung umzusetzen und die Kostenersparnis in bessere Loyalitätsprogramme zu investieren.
- Der Händler kann selbst als Zahlungsdienstleister aufzutreten, um den Kunden enger zu binden.
Vorteile für Konsumenten
- Bereitstellung eines einfachen und nahtlosen Bezahlvorgangs bei entsprechender Umsetzung durch den Anbieter.
- Es laufen keine Bankinformationen über das Mobiltelefon oder den Rechner.
- Konsolidierung aller Zahlungsflüsse in einem Konto für einen besseren Überblick über die persönlichen Finanzen.
- Mit der Nutzung von Open Banking Informationsdiensten können Kunden Ihre Konten bei verschiedenen Banken auf einen Blick im Auge behalten
Vorteile für Banken
- Geldinstitute haben die Möglichkeit, selbst als PIS oder AIS-Anbieter zu agieren und so neue Kunden zu gewinnen.
- Schaffung von neuen Zahlungs- und Mehrwertdienstleistungen für Bankkunden.
- Verbesserung von Kreditentscheidungen.
Die ersten Zahlungsdienste wurden von Wallet-Betreibern genutzt, um den Saldo in der virtuellen Brieftasche aufzustocken. Typischerweise handelte es sich hierbei um Krypto- oder Gaming Wallets, die den Kunden über A2A Payments den Service bot, ihre virtuelle Brieftasche sofort aufzufüllen, um weiter Transaktionen tätigen zu können. Neben Zeitersparnis für den Wallet-Kunden brachte dieses dem Wallet-Betreiber niedrigere Kosten und erhöhten Umsatz.
Von hieraus entwickelte sich schnell die Gewohnheit, Gelder zwischen Konten hin- und herzuschieben, Kredite am Stichtag selbst zurückzuführen oder Kreditkartensalden auszugleichen. Von hier nahmen A2A Payments ihren Lauf in den E-Commerce, den am schnellsten wachsenden Markt im Zahlungsverkehr.
Der Anlauf im e-Commerce war für Open Banking und A2A Payments nicht ohne Hindernisse. Es mussten Schnittstellen gebaut werden. Dies wurde jedoch unterschiedlich umgesetzt und implementiert. Die technische Umsetzung von Integrationen musste geübt und getestet werden. Und schließlich waren Banken waren sehr langsam in der Umsetzung. Insgesamt hatten die Marktteilnehmer die technische Komplexität, ein neues Eco-System für elektronische Zahlungen aufzubauen, unterschätzt. So schlug der anfängliche Enthusiasmus für A2A Payments allmählich in Enttäuschung um.
Inzwischen haben sich diese Anfangsschwierigkeiten gelegt. Token.io beispielsweise gelang es, ein in Europa führendes Netz aufzubauen, das mehr als 80 Prozent aller Bankkonten in Europa erreichen kann.
Die Erfolgskurve der A2A-Zahlungen ist bisher in Großbritannien wesentlich dynamischer verlaufen als in Kontinentaleuropa. Teilnehmer im Markt schätzen, dass die Briten den Kontinentaleuropäern im Open Banking um rund 18 Monate voraus sind. Der Grund hierfür ist einerseits, dass in einem kleineren, nationalen Markt, der von etwa neun Banken beherrscht wird, wesentlich einfacher ein Konsens erreicht werden kann. Andererseits hat in UK auch der Gesetzgeber frühzeitig eine sehr aktive Rolle eingenommen und hat mit der OBIE (Open Banking Implementation Entity) eine Stelle geschaffen, die den Markt vorangetrieben hat.
Eine zentrale Institution, die die Umsetzung der neuen Richtlinien überwacht und antreibt, gibt es in Kontinentaleuropa bisher nicht. Die Interessenlage der verschiedenen Akteure auf internationaler und nationaler Ebene ist sehr unterschiedlich – sowohl im politischen Sektor als auch auf kommerzieller Ebene.
Auch die SEPA Instant Richtlinie wurde in den verschiedenen nationalen Märkten unterschiedlich und nur teilweise umgesetzt, so dass bisher kein einheitliches Zahlungsnetz in Europa existiert. Dies ist allerdings eine Voraussetzung, um einen gemeinsamen Markt zu schaffen. Die EU hat nun Anfang dieses Jahres angekündigt, dass sie in der zweiten Jahreshälfte einen Regulierungsentwurf vorlegen will, der die Implementierung von SEPA Instant in allen Märkten mandatiert.
Von daher gibt es weiterhin große Unterschiede in den nationalen Märkten, die eine Realisierung eines einheitlichen Zahlungsverkehrsmarktes in Europa verlangsamen. Hinzu kommt ein gewisses Beharrungsvermögen bei den nationalen Akteuren im Zahlungsverkehr, welches sich auch im Scheitern des EPI (European Payment Initiative) Projektes niederschlägt. Aus den vorherigen, gescheiterten Versuchen wie der nach dem Architekten der Europäischen Gemeinschaft benannte „Monnet“- Ansatz wurden keine Konsequenzen gezogen. Stattdessen versuchte man erneut, ein von Grund auf neues pan-europäisches Karten-Scheme aufzubauen, wo ein auf SEPA Instant und PSD2 basierendes Scheme erheblich einfacher zu realisieren gewesen wäre.
Nach dem erneuten Scheitern von EPI hat das EPC (European Payment Council) nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um ein SEPA Payments Access Scheme (SPAA) aufzubauen und zu managen. Nach dem bisherigen Stand soll ein erster Vorschlag samt Implementierungsplan hierzu im November unterbreitet werden. Wir dürfen gespannt sein.
In Großbritannien lief und läuft die Entwicklung von A2A Payments auf Grund der oben genannten Gründe wesentlich schneller. Rund fünf Millionen Kunden nutzen den Service regelmäßig und lösen monatlich 4,5 Millionen Zahlungen aus, eine Steigerungsrate von 230 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum im Jahr 2021.
Hier werden auch bereits die ersten Neuerungen eingeführt, wie zum Beispiel Variable Recurring Payments (VRP). Momentan ist der Standard-Ablauf einer A2A Zahlung die Einmalzahlung mit jeweiliger Autorisierung jeder einzelnen Zahlung durch den Kontoinhaber. Bei VRP gibt der Kontoinhaber eine wiederholende Genehmigung, die bei Zahlung an den gleichen Begünstigten keine Genehmigung der einzelnen Transaktion bedarf. So kann der Kontoinhaber eine Genehmigung erteilen, beispielsweise alle Zahlungen an Amazon bis zu einer gewissen Höhe ohne weitere Einzelgenehmigung auszuführen. Hierdurch entsteht ein schneller, nahtloser und bequemer „one-click“ Zahlungsprozess für den Kunden, von dem auch der Händler profitiert. So lassen sich z.B. auch regelmäßige und wiederkehrende Zahlungen an Telefongesellschaften oder Stadtwerke bequem automatisieren. Diese Entwicklung erlaubt zum ersten Mal eine Programmierung eines Zahlungsvorgangs durch den Bankkunden selbst.
Wie gesagt, Kontinentaleuropa läuft der Entwicklung, einige Zeit hinterher. Dieses spiegelt sich auch in der Anzahl von Third-Party-Providern, die diese neuen Open Banking Dienste anbieten.
Dennoch entwickelt sich auch hier der Markt, die Zahl der Geschäftsvorgänge nimmt dem Vernehmen nach zu. Statistiken, die dies öffentlich zugänglich belegen, gibt es zurzeit leider nicht.
Auch außerhalb Europas wird diese neue Zahlungsart eingeführt und wächst rapide, vor allem in Brasilien und Mexiko. Der größte Flächenstaat Lateinamerikas steht kurz vor der Einführung weiterer Regelungen, die über den Konten- und Zahlungsverkehr hinausgehen. Der nächste Schritt wird Brasilien in das Zeitalter von Open Finance befördern.
Um eine neue Zahlungsart im Markt zu etablieren, braucht es Zeit und die Mitwirkung von vielen Teilnehmern, um ein relevantes Eco-System zu schaffen. Inzwischen wurde die technische Infrastruktur geschaffen. Der nächste Schritt zum Erfolg ist die Teilnahme von Händlern an dem neuen System, um im Anschluss auch die Endkunden von den Vorteilen des A2A Payments zu überzeugen. Dieser Schritt wird aktuell vollzogen: Banken, Händler und Zahlungsabwickler treten nach und nach in den Markt ein.
Wenn man sich mitten in einer langfristigen Entwicklung befindet, kann einem der Fortschritt langsam erscheinen, wie auch der Titel dieses Artikels suggerieren mag. Aber tatsächlich braucht es Zeit, um eine robuste Grundlage für Fortschritt zu schaffen. Wir bei Token.io sind der Meinung, dass diese Grundlagen nun vorhanden sind und dass das Wachstum in diesem Markt sich in den nächsten Monaten beschleunigen wird. Die eingangs erwähnten Prognosen werden eintreffen. A2A Payments ist die Zukunft - lang lebe die Revolution!
This article was originally published in 'cards Karten cartes' magazine